Innovative Medikamente verlangsamen das Fortschreiten einer Alzheimer-Erkrankung.

Die Universitätsmedizin Essen setzt zwei entsprechende Medikamente seit Mitte 2025 bei Patientinnen und Patienten im frühen Stadium einer Alzheimer-Erkrankung ein. „Bei fortgeschrittenen Erkrankungen helfen die Medikamente nicht mehr, da schon zu viele Nervenzellen geschädigt sind. Je eher wir die Betroffenen behandeln, desto besser wirken diese Medikamente. Es ist also nun die Kunst, die richtigen Patientinnen und Patienten frühzeitig zu erreichen“, sagt Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz, Direktor Klinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Essen. Denn Alzheimer wird auch heute noch oft spät diagnostiziert, da die Symptome schleichend beginnen und lange als normales Altern oder stressbedingte Vergesslichkeit abgetan werden. Zudem fehlen in den Hausarztpraxen häufig spezielle Biomarker-Tests, manche Betroffene meiden auch aus Angst vor einer Alzheimer-Diagnose den Arztbesuch.

Zudem ist nicht jede Demenzerkrankung auch eine Alzheimer-Demenz. Bevor die neuen Medikamente gegen Alzheimer zum Einsatz kommen, setzt also eine umfangreiche Diagnostik ein. Die Ärzte der Universitätsmedizin Essen untersuchen in einem ersten Schritt, ob tatsächlich eine Alzheimer-Erkrankung vorliegt, bei der das Amyloid eine Rolle spielt. Durch neuro-psychologische Testungen wird dann festgestellt, in welchem Stadium sich die Patienten befinden.

Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz erklärt: „Wenn Personen bei sich selbst oder wenn Angehörige feststellen, dass die Gedächtnisleistung abnimmt, dann macht es Sinn, einen Vorsorgecheck durchzuführen.“ Er plädiert für mehr Aufklärung und Prävention, wenn es um das Tabuthema Alzheimer geht. Um Patientinnen und Patienten in einem frühen Stadium der zukunftsweisenden Therapie zuführen zu können, müssen sie schließlich erst einmal identifiziert werden. „Wir können dann die Auswirkungen der Krankheit deutlich verzögern“, sagt der Experte. Die fatalistische Haltung, bei einer Alzheimererkrankung könne nichts mehr helfen, sei falsch.

Um aufzuklären und Mut zu machen, hat die Universitätsmedizin im Sommer 2023 das Zentrum für Hirngesundheit und -Prävention gegründet. Hier spielt die Frühdiagnostik neben der Aufklärung eine bedeutende Rolle. Dort wenden die Ärztinnen und Ärzte einen Check zur Hirngesundheitsvorsorge an. Bei Verdachtsfällen auf eine Demenz testen sie, ob überhaupt eine Gedächtniseinschränkung vorhanden ist und wenn ja welche und in welchem Ausmaß.

Einer der ersten Patienten: Willi Glatki

Als einer der ersten Patienten in Deutschland erhält Willi Glatki (Foto) an der Universitätsmedizin Essen seit Mitte 2025 die neue Infusion. Der 76-Jährige bekam die Diagnose Alzheimer anderthalb Jahre zuvor. Das Vergessen machte seinen Alltag zunehmend zur Herausforderung. „Es waren vermeintliche Kleinigkeiten: die verlegte Brille, der plötzlich unauffindbare Stammfriseur, das Werkzeug was eben noch da und plötzlich spurlos verschwunden war”, schildert Glatki sein Erleben der Krankheit. Sein Umfeld habe das anfangs nicht ernst genommen. Glatki: „Man kann kleine Vergesslichkeiten ja auch überspielen. Aber ich selbst machte mir Gedanken, beobachtete mich.“ Auf sein eigenes Drängen und mit großer Unterstützung von Frau und Tochter ließ er sich eingehend an der Universitätsmedizin Essen untersuchen. Seit Mai 2025 war Willi Glatki immer wieder zu Untersuchungen in der Universitätsklinik Essen: Es musste sichergestellt sein, dass das Medikament Lecanemab für ihn auch geeignet und das Risiko von Nebenwirkungen gering ist. Dass er am Ende des aufwendigen Checks grünes Licht für die Behandlung bekommen hat, bedeutet Willi Glatki viel: „Ich weiß, dass meine Demenz nicht heilbar ist, aber ich gewinne Zeit.“

Begleitende Forschung

Zirka 20 Patientinnen und Patienten, Tendenz steigend, werden aktuell an der Universitätsmedizin Essen mit den Medikamenten behandelt. Die wissenschaftliche Begleitforschung baut auf den Erfahrungen aus den USA auf, wo das Medikament bereits seit zwei Jahren zugelassen ist. Die Daten aus Essen werden in ein zentrales Forschungsregister in Aachen eingespeist. Die Therapie ist die Logistik und die Verabreichung betreffend komplex. Alle zwei oder vier Wochen erhalten die Patienten das Medikament per Infusion. Deshalb kommen für die Anwendung nur Kliniken oder medizinische Zentren, die eine Ambulanzstruktur mit Infusionszentrum vorhalten, infrage. Zudem begleitet die Therapie von Anfang an ein umfassendes Nebenwirkungsmonitoring, bei dem auch Kernspintomografien zum Einsatz kommen. Ähnlich wie bei einer Chemotherapie werden die Infusionen in den medizinischen Zentren verabreicht, die Patientinnen und Patienten bleiben zur Nachsorge noch eine Weile vor Ort, bis sie wieder nach Hause gehen können.

Prävention zeigt Wirkung

Das Zentrum für Hirngesundheit und -Prävention setzt, wie der Name impliziert, nicht nur auf die Behandlung von Krankheiten, sondern vor allem auf die Vorbeugung. Einen 100-prozentigen Schutz, zum Beispiel durch eine gezieltes Hirntraining, vor einer Demenzerkrankung gibt es zwar nicht. Ebenso wie sportliche Nichtraucher auch einen Herzinfarkt bekommen können, erkranken Menschen, deren Profession stets das Denken und Schreiben war, an Demenz. So zum Beispiel der Philologe und Rhetorikprofessor Walter Jens, dessen Familie eindrucksvoll sein „langsames Entschwinden“ dokumentierte. Es ist jedoch wissenschaftlich belegt, dass wir unser Risiko beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, um 40 bis 50 Prozent senken können – durch eine gesunde mediterrane Ernährung, täglich ein wenig altersgerechte Bewegung, eine gute Hörgeräteeinstellung, passgenaue Brillen, ausreichend Schlaf und Erlebnisse in der Gemeinschaft. Selbst wenn eine Demenz diagnostiziert worden ist, können diese Maßnahmen das Fortschreiten der Erkrankung verzögern, und wird sie frühzeitig erkannt, kann die Medikamentengabe zusätzlich wirksam sein. Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz plädiert: „Ebenso wie Kardiologen einen Herzcheck machen oder Fachärzte Untersuchungen zur Krebsvorsorge durchführen, sollte es in Zukunft auch einen Gehirn-Check geben.“

Und seine Zuversicht bezogen auf die Medikament-Entwicklung geht noch darüber hinaus. Mit der Zulassung der aktuellen Medikamente hofft sein Team auf neue Forschungsgelder. Die weitere Forschung zielt darauf ab, in Zukunft durch die Krankheit verursachte Hirnschäden mit neuen Medikamenten auch heilen zu können. Die Universitätsmedizin Essen plant, eine W2-Professur für Hirngesundheit und Demenzforschung auszuschreiben, um die akademische Seite weiter zu stärken. Über das Deutsche Netzwerk der Gedächtnis-Ambulanzen gibt es zudem einen regelmäßigen Austausch, die Wissenschaftsplattform dient dazu, Daten einzuspeisen, Real-World-Daten zu generieren und neue Projekte zu definieren. Im Forschungsaustausch lohnt sich zudem der Blick in die USA. Dort gibt es bereits valide Erfahrungen mit der Frühdiagnostik: Bluttests auf Demenz und Alzheimer sind bereits länger zugelassen, entsprechende Tests werden sich demnächst auch in Europa und in Deutschland etablieren.

Zentrum für Gehirngesundheit und Prävention an der Universitätsmedizin Essen

Leitung: Dr. Iris Trender-Gerhard
Im Zentrum für Gehirngesundheit und Prävention (ZGP-E) der Universitätsmedizin steht die Früherkennung von Demenzerkrankungen im Mittelpunkt. Den Aufbau des Zentrums hat die Brost-Stiftung mit 750.000 Euro gefördert. Das Zentrum erhält zudem Spenden über die Stiftung Universitätsmedizin. Das Leistungsspektrum umfasst:

Forschungstätigkeit zur geistigen Leistungsfähigkeit sowie zur Behandlung und Früherkennung von Demenzerkrankungen
enge Zusammenarbeit von Neurologie, Neuroradiologie, Nuklearmedizin, Humangenetik und Psychiatrie
Individuelle Beratung von Betroffenen und Angehörigen
Prävention und Aufklärung zu Themen wie Ernährung oder Bewegung
Kooperationen mit der Stadtgesellschaft, zum Beispiel mit Unternehmen im Rahmen von Mitarbeiterschulungen