Wissenschaftler der Universitätsmedizin Essen sind maßgeblich an der Entwicklung eines Verfahrens zur Präzisionsdiagnostik beteiligt.

„Patientinnen und Patienten, die von einer Sepsis betroffen sind, beschreiben häufig ein niemals zuvor dagewesenes schwerstes Krankheitsgefühl“, sagt Thorsten Brenner. Was den Verlauf der Erkrankung so schwer werden lässt, ist in der Regel nicht die Infektion selbst, sondern eine Fehlregulation der körpereigenen Immunantwort als Reaktion auf diese Infektion. Dabei fallen diese Reaktionen sehr unterschiedlich aus – von Verwirrtheitszuständen über Atemprobleme bis hin zum manifesten Schockzustand. „Die Sepsis ist ein regelrechtes Chamäleon, da jeder Mensch eine etwas andere Symptomatik aufweist, was das frühzeitige und zuverlässige Erkennen der Erkrankung deutlich erschwert“, so Brenner.

Die Früherkennung einer Sepsis (= Screening) sowie die formelle Diagnosestellung erfolgt mit Hilfe spezieller Scoring-Systeme, anhand derer bei gleichzeitigem Verdacht auf das Vorliegen einer Infektion das Ausmaß der begleitenden Organfunktionsstörungen quantifiziert wird. Bei septischen Patienten beginnt in der Regel auch unmittelbar die Behandlung mit einem Antibiotikum oder mehreren Antibiotika „auf Verdacht“, denn je länger eine Sepsis im Körper „wütet“, desto größer ist die Gefahr für sich aggravierende Organschädigungen oder gar für ein manifestes Organversagen. Um die weitere Therapie so effektiv wie möglich zu gestalten, ist es gleichzeitig notwendig, möglichst schnell den zugrundliegenden Infektionserreger nachzuweisen. Dieser Nachweis erfolgt konventionell mittels sogenannter kulturbasierter Verfahren in Abstrichmaterialien, Sekretproben oder Blut von Sepsis-Erkrankten. Hierdurch ist es in zahlreichen Fällen möglich, den oder die krankheitsauslösenden Erreger nachzuweisen. Allerdings gibt es auch immer wieder Fälle, bei denen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte die Ursache für eine Sepsis nicht oder erst nach zahlreichen zeitfressenden Untersuchungen finden.

Bei der Behandlung einer Sepsis spielt also der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Gleichzeitig erhöhen sich die Heilungschancen, umso zielgenauer ein Antibiotikum den Erreger angreifen kann. Hier setzt nun die DigiSep-Studie an: Im Rahmen dieser Studie hat das Forschungsteam ein diagnostisches Tool getestet, das Erreger schneller und treffsicherer nachweisen kann als die bisherigen mikrobiologischen Verfahren. „Hierfür wies die DigiSep-Studie ein sogenanntes zweiarmiges Studiendesign auf“, erläutert Brenner. In der Kontrollgruppe wurde die mikrobiologische Standarddiagnostik zur Anwendung gebracht, während in der Interventionsgruppe ergänzend zur Standarddiagnostik auch noch die sequenzier-basierte Erregerdiagnostik durchgeführt wurde.

Die Studie zeigt, dass durch das neuartige Verfahren zur Erregerdiagnostik Beatmungsdauern verringert und Schockdauern reduziert werden können. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet dies eine schnellere Genesung und den besseren Erhalt von Organfunktionen. Hinzu kommt, dass das Verfahren im Vergleich zur bisherigen Diagnostik eine Verbesserung der Lebensqualität nach überstandener Sepsis mit sich bringt, ohne dass das neue Verfahren Mehrkosten verursacht.

Ein kleiner Wermutstropfen: Trotz des Erfolges beim letztjährigen MSD-Gesundheitspreis, der bestehenden IVD-Zertifizierung für die Indikation Sepsis und der vorgenannten positiven Behandlungseffekte im Rahmen von DigiSep hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zur Erprobung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden noch keine uneingeschränkte Positivempfehlung für die Überführung der Diagnostik in die Regelversorgung ausgesprochen, da die DigiSep-Studie aufgrund gewisser methodischer Schwächen das eigentliche Studienziel (= primärer Endpunkt) knapp verfehlte. Brenner: „Diese methodischen Schwächen konnten von uns glücklicherweise klar herausgearbeitet werden, so dass diese bei der Studienplanung für die jetzt anstehende Folgestudie namens optiSEP berücksichtigt werden konnten. Und auch dieses Folgeprojekt wird wieder durch den Innovationsfonds des G-BA gefördert.“ Bis zum Abschluss des Folgeprojektes und der Verwirklichung einer flächendeckenden Rückvergütung für die NGS-Diagnostik setzt die Universitätsmedizin das Verfahren nur in ausgewählten Fällen ein.